• J.-G. Heurteloup

Kopf, Herz und Fuss

Aktualisiert: 22. Sept 2019

Von Christian Tanner


Les Soirées amusantes– Kopf, Herz und Fuss im Salon (1775 – 1800)


Es sind hunderte, gar tausende. Seit mehr als 200 Jahren modern sie in den Bibliotheken Europas vor sich hin und warten darauf, dass jemand sich für sie begeistert. Die Rede ist von den Tänzen, welche die Damen und Herren der guten Gesellschaft im späten 18. Jahrhundert in ihren Salons miteinander zu tanzen pflegten. Gewiss gibt es seit rund vierzig Jahren eine ganze Reihe von CDs und Videos, die einen Einblick in das Erbe unseres Gesellschaftstanzes gewähren. Der Grossteil der Choreographien und Tanzmusik verharrt jedoch – obschon inzwischen vermehrt digitalisiert – weiterhin im Dornröschenschlaf. Les Soirées Amusantes macht es sich deshalb zur Aufgabe, dabei die Rolle des Prinzen zu spielen.


Les Soirées Amusantes tanzen "Les Soirées Amusantes" aus dem Répertoire des bals von La Cuisse. Photo: Olivier Bellec.

Die vom breiten Publikum unbekannten originellen, abwechslungsreichen und sportlichen Sechser- und Achterformationen der französischen, englischen und deutschen Tanzmeister sollen aufgespürt, ausprobiert und für Abendgesellschaften umsetzbar gemacht werden!


La chaîne finale aus "Les Soirées Amusantes". Photo: Eliane Caramanna.

Gewiss sind die gesellschaftlichen, weltanschaulichen, politischen und ökologischen Umwälzungen, die uns von den vorindustriellen Menschen trennen, tiefgreifend. Doch unser Körper liefert die effizienteste Maschine für eine Zeitreise! Bewegen wir uns nach den Aufzeichnungen der alten Tanzmeister zur Musik und in der Kleidung ihrer Zeit, ergibt sich über unsere Bewegung zwischen diesen drei Komponenten eine Harmonie. Der durch die Kleidung geformte Körper gibt der Musik das Tempo und den Figuren eines Tanzes die Silhouette vor. Und genau dann, wenn sich das Gleichgewicht zwischen den drei Komponenten einstellt, hat sich das Rad der Zeit zurückgedreht.


Eine weitere Figur der Contredanse française "Les Soirées Amusantes", Photo: Olivier Bellec.

In seiner streng ritualisierten und gleichzeitig verspielten Form bringt das Tanzrepertoire des 18. Jahrhunderts den Menschen in einen Flow-Zustand: Der Körper ist in pausenloser, regelmässiger Bewegung, der Kopf antizipiert dabei komplexe Abfolgen von Figuren und Schritten und das Herz lacht, wenn eine besonders ausgefeilte Figur zu viert, zu sechst oder zu acht wie ein Uhrwerk funktioniert.

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Bilder © Les Soirées Amusantes