• J.-G. Heurteloup

Zwei Fräcke aus dem Jahre 1790 – neue technische Erkenntnisse. Zweiter Teil

Aktualisiert: 22. Sept 2019

Von Christian Tanner


Um meinen Frust über den nach meiner Meinung nach missratenen Frack zu verarbeiten, wollte ich letzten November sofort einen neuen nähen, und zwar einen, der es mir wieder ermöglichen sollte, wieder etwas vom wertvollen Seidensamtvorrat der Theresa Stöcklin zu verwenden.

Also bin ich auf das Modekupfer aus dem 21. Cahier des journal de la mode et du gout vom 15 September aufmerksam geworden. Le Brun schreibt hierzu:


Coëffure toute nouvelle, dite à l’ingénu; elle est formée par un simple crêpé, terminé par une grande boucle serrée très-basse.

Habit de drap couleur de lie de vin, colet blanc, et paremens blancs. Petits boutons de cuivre sur-doré.

Gilet blanc de bazin, avec de petits boutons d’argent; les boutonnières très-près l’une de l’autre.

Culotte de drap de coton, dont les petites raies sont vert-pistache, et les grandes jaunes.

Bas de soie blancs, avec des coins couleur de lie de vin.

Boucles d’argent.

Chapeau rond à haute forme.

Quelle: https://ateliernostalgia.wordpress.com/tag/journal-de-la-mode-et-du-gout/

Eine ganz neue Frisur mit der Bezeichnung à l’ingénu. Das einfach toupierte Haar wird mit einer engen, sehr tief liegenden Lockenrolle abgeschlossen.

Habit von weinsatzroter Farbe, weisser Kragen, weisse Ärmelaufschläge. Kleine, vergoldete Kupferknöpfe.

Gilet aus weissem bazin mit kleinen Silberknöpfen. Die Knopflöcher liegen ganz eng aneinander.

Culotte aus Baumwolltuch, dessen feine Streifen pistaziengrün, die breiten gelb sind.

Weisse Seidenstrümpfe mit weinsatzrot bestickten Keilen.

Silberschnallen.

Runder Hut à haute forme.


Woraus die paremens und der collet bestehen, erwähnt Le Brun nicht. Weissen Samt jedenfalls besitze ich nicht und die weinsatzrote Farbe war auch nicht mein Favorit. Die Silhouette des Fracks jedoch ist ganz mein Fall. Also habe ich mich bei Originalen umgesehen. In der collection des Metropolitan Museums of Art findet sich ein französisches Original aus einer grüngestreiften Seide aus eben der Zeitspanne.


Quelle: https://www.metmuseum.org/art/collection/search/81263?&searchField=All&sortBy=Relevance&ft=coat+silk+1790&offset=0&rpp=20&pos=8

Passend zu diesem Modell finden sich momentan zwei Schnittvorlagen. Die eine beruht auf einem Frack aus dem Museum of London, dessen Schnitt Norah Waugh dokumentiert hat [1], die andere hat das Lacma der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Bei beiden Vorlagen werden jedoch keinerlei Angaben zur genauen Verarbeitung der Schnittteile gegeben. Also musste ich mich anderweitig umsehen. Und so haben mich zwei bewährte und eine neue Quelle zu technischem Urland geleitet:


Costume Close-up (CCU) [2]

An Agreable Tyrant (AAT) [3]

Der Film von Nils Hurst auf der Facebookseite von Burnley and Trwobridge, der das Innenleben eines 1770er habits zeigt (NH) [4].


Für die Verarbeitung meines grünen Frackes bedeutete dies:

Die Vorderteile werden an den Kanten mit Steifleinen und darüber auf Brusthöhe mit einfachem Leinen unterlegt (AAT). Die Schlitze unter den Taschenklappen werden ebenfalls mit Steifleinen unterlegt (AAT). Auf Taillenhöhe werden an den seitlichen Rückenteilen und an den Vorderteilen auf der Rückenseite kleine winkelförmige Steifleineneinlagen aufpikiert, um ein Ausreissen des Oberstoffes zu verhindern (AAT). Die Ärmel werden fertig gefüttert ins Ärmelloch eingenäht (AAT). Das Ärmelfutter wird mit Vorstichen durch die Nahtzugeben von Futter und Oberstoff fixiert (AAT). Das Rückenteil wird auf Höhe Hals bis unters Schulterblatt mit einer Leineneinlage unterlegt (AAT). Rückenteil und Vorderteile werden nur als Oberstoff zusammengenäht. Das Futter der Vorderteile wird dann über das Rückenteil geschlagen und erst über das Rückenfutter, das darüber gelegt wird, fixiert (AAT, CCU, NH). Das Rückenfutter wird – analog zum Ärmelfutter – mit Vorstichen durch Futternahtzugabe und Oberstoffnahtzugabe fixiert (AAT). Das Kragenfutter fixiert und verdeckt das Rückenfutter (AAT, CCU, NH).


Hier der nach langem Warten auf die Knöpfe fertige habit. Heurteloup in Gesellschaft seiner Tanzmeisterin.


Anfänglich hatte ich bei dieser Art Verarbeitung meine Bedenken. Allerdings kann ich nach verrichteter Arbeit folgende Bilanz ziehen:


Die Assemblage von Rückenteil und Vorderteilen ergibt insofern Sinn, als dass, wenn das abgenutzte Futter ausgetauscht werden muss, dies möglich ist, ohne dass der Frack in seine Einzelteile zerlegt werden muss. Ausserdem geht das Auftrennen des Futters nach obiger Verarbeitung schnell von der Hand. Die Leineneinlage auf Schulterhöhe verhindert, dass die Naht des Oberstoffs zu viel Zug ausgesetzt ist und der Oberstoff dadurch Schaden nimmt. Die Verarbeitung der Ärmel führt zu glatten Nähten und vermeidet die Bildung unerwünschter Falten.


Meine Freiheiten gegenüber den Vorlagen:


1. Im Vergleich zu den Schnittvorlagen von LACMA und Waugh so wie zum Original aus der Sammlung des Metropolitan Museum habe ich mir erlaubt, den Kragen in Anlehnung an Le Bruns Kupferbeschrieb aus Samt zu fertigen.


2. Im Gegensatz zu Le Bruns Modekupfer, wo paremens und Kragen sich farblich vom habit abheben, habe ich den collet jedoch in einem zum Oberstoff passenden grünen Samt gearbeitet. Die paremens hatte ich anfänglich ebenfalls aus demselben Samt gefertigt, war jedoch mit dem Resultat nicht zufrieden. Denn wegen der zu dicken Stofflagen liessen sich keine Knopflöcher einarbeiten. Also habe ich die samtenen paremens wieder abgetrennt und neue aus dem Oberstoff angebracht. Der im Modekupfer vorgegebene starke Kontrast zwischen paremens, collet und habit fällt daher weg.


3. Ich habe sämtliche Kanten mit Vorstichen verarbeitet. Bis anhin habe ich mich bei Frackkanten meistens mit dem point à rabattre sous la main beholfen. In der Tat findet sich dieser Stich bei den meisten Originalen. Allerdings gibt es auch solche Fräcke aus dem 18. Jahrhundert, bei denen Vorstiche zur Anwendung kamen. Und diese Verarbeitungstechnik wollte ich endlich einmal ausprobieren. Mein Fazit: Im Gegensatz zu meinem Vorurteil, Vorstiche seien wenig stabil und für faule Näher gedacht, komme ich zum Schluss, dass sie, wenn fein ausgeführt, zu einem überzeugenden Ergebnis führen. Oberstoff und Futter fixieren sie so unauffällig, als wären sie aufeinander geleimt.


Die Knopflöcher, bevor die Knöpfe angebracht wurden.



4. Die Knöpfe habe ich bei der Posamentenmacherin Gina Barett machen lassen. Sie orientieren sich am Original aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art.






[1] Waugh, Norah: The cut of Men’s Clothes, Routledge, London, p. 80, p. 93.


[2] Baumgarten, Linda, Watson, John: Costume Close-up, Clothing Construction and Pattern 1750 – 1790, The Colonial Williamsburg Foundation, 1999, pp. 92 – 95. Sigel CCU.


[3] O’Brien, Alden (et al.): An agreable Tyrant. Fashon after the Revolution, DAR Museum, 2016, pp. 184 – 186. Sigel AAT.


[4] https://www.facebook.com/BurnleyandTrowbridge/videos/10155677308251713/ Sigel NH (N. Hurst, Rekonstrukteur des gefilmten habits).





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